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13100 Nachhaltige Medizintechnik: Praxisbeispiel eIFU

Die Medizintechnikbranche steht vor einem grundlegenden Zielkonflikt: Höchste Anforderungen an Patientensicherheit, Hygiene und regulatorische Konformität führen häufig zum Einsatz ressourcenintensiver Medizinprodukte. Diese erzeugen jedoch von der Materialgewinnung bis zur Entsorgung erhebliche Abfallmengen und hohe CO2-Emissionen. Gleichzeitig steigen die gesellschaftlichen, ökologischen und marktseitigen Anforderungen an Nachhaltigkeit und Ressourceneffizienz.
Dieser Beitrag beschreibt die Definitionen von Linearer- und Kreislaufwirtschaft, C2C, Greenwashing und Ökodesign. Am Praxisbeispiel der elektronischen Gebrauchsanweisung (eIFU) wird aufgezeigt, wie sich ökologische und ökonomische Potenziale erschließen lassen, ohne die Patientensicherheit oder die regulatorische Compliance zu beeinträchtigen. Ein strukturierter 6-Phasen-Leitfaden, konkrete Berechnungsbeispiele zur CO2-Reduktion sowie die Einordnung in die R-Strategien der Circular Economy liefern hierfür praxisnahe Ansätze für eine zukunftsfähige Produktentwicklung.
von:

1 Einleitung

Ausgangssituation
In zahlreichen Branchen, darunter der Automobil-, Verpackungs-, Konsumgüter-, Elektronik- und Bauindustrie, ist Nachhaltigkeit inzwischen zu einem zentralen Wettbewerbsfaktor geworden. Um Umweltauflagen zu erfüllen und den Erwartungen von Kunden, Investoren und weiteren Interessengruppen gerecht zu werden, investieren Unternehmen in ressourcenschonende Produkte, Recyclingkonzepte, Kreislaufwirtschaft und CO2-Reduktionsmaßnahmen. Im Vergleich dazu befindet sich die Medizintechnik-Branche bei der Umsetzung von Nachhaltigkeits- und Kreislaufwirtschaftskonzepten vielfach noch in einer frühen Entwicklungsphase.
Rahmenbedingungen seit 1990
Ursache hierfür sind u. a. Rahmenbedingungen, die seit den 1990er-Jahren von zwei zentralen Einflussfaktoren geprägt sind.
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Faktor 1 Der Trend zu Single-Use-Produkten: Um das Risiko nosokomialer Infektionen (Infektionen, die im Zusammenhang mit einem Aufenthalt oder einer Behandlung in einer Gesundheitseinrichtung auftreten und bei der Aufnahme noch nicht vorhanden waren) zu reduzieren, wurden die langlebige Mehrweginstrumente aus Edelstahl oder Glas zunehmend durch sterile Einwegprodukte ersetzt. Was ursprünglich als hygienischer Fortschritt begann, führte gleichzeitig zu einem höheren Ressourcenverbrauch und steigenden Abfallmengen.
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Faktor 2 Entkopplung von Nutzung und Verantwortung: Viele Medizinprodukte werden unter hohem Energie- und Ressourcenaufwand hergestellt, global transportiert, aufwendig verpackt und im klinischen Alltag oft nur kurz genutzt, bevor sie entsorgt werden. Die Verantwortung für die entstehenden Umweltauswirkungen entlang des gesamten Produktlebenszyklus ist dabei auf zahlreiche Akteure verteilt. Gleichzeitig existieren geschlossene Material- oder Produktkreisläufe bislang nur in wenigen Anwendungsbereichen.
Komplexe Umsetzung
Strenge Regularien, Patientensicherheit, Hygiene und Produktleistung, hohe Sicherheitsstandards, sterile Verpackungen sowie komplexe Zulassungs- und Änderungsverfahren beschränken den Handlungsspielraum der Hersteller von Medizinprodukten. Die Auswirkungen dieser branchenspezifischen Rahmenbedingungen werden besonders deutlich, wenn Sie die beiden zentralen Akteure betrachtet: die (A) Medizintechnik als Hersteller und die (B) Gesundheitseinrichtungen als Anwender und Beschaffer von Medizinprodukten.
(A) Medizintechnik (Hersteller)
Die nachhaltige Weiterentwicklung von Medizinprodukten unterliegt im regulatorischen Umfeld besonderen Herausforderungen. Dies betrifft sowohl Neuentwicklungen als auch Änderungen bestehender Produkte und ist insbesondere auf drei Faktoren zurückzuführen:
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Regulatorischer Aufwand: Wenn ein Hersteller sein zugelassenes Medizinprodukt im weiteren Verlauf nachhaltiger gestalten möchte, wie z. B. durch den Einsatz von recycelten Kunststoffen oder biobasierten Materialien, gilt dies regulatorisch nahezu immer als wesentliche Änderung (Design Change). Dies erfordert aufwendige und kostenintensive Bewertungen sowie gegebenenfalls Anpassungen der technischen Dokumentation, der klinischen Nachweise und der Konformitätsbewertungsverfahren.
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Technische Grenzen und Sicherheit: Medizinische Werkstoffe müssen hohen Anforderungen in Bezug auf Sicherheit, Funktionalität und Beständigkeit genügen. Aufgrund der Belastungen durch Sterilisation, Desinfektionsmittel und den klinischen Einsatz ist nachzuweisen, dass Rezyklate für den jeweiligen Anwendungsfall geeignet sind und die geforderten Materialeigenschaften sowie die Biokompatibilität dauerhaft erfüllt werden.
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Mangelnde Wirtschaftlichkeit: Nachhaltige Produktänderungen erfordern häufig umfangreiche Entwicklungs-, Prüf- und Zertifizierungsaufwände. Der damit verbundene zeitliche und finanzielle Aufwand steht jedoch nicht immer in einem angemessenen Verhältnis zum ökologischen oder wirtschaftlichen Nutzen.
Rezyklate sind durch Recycling gewonnene Sekundärrohstoffe, die aus gebrauchten Produkten oder Produktionsabfällen stammen und erneut als Ausgangsmaterial für die Herstellung neuer Produkte eingesetzt werden.
(B) Gesundheitseinrichtungen
Kliniken, Praxen und Pflegeeinrichtungen stehen vor dem Zielkonflikt, hohe Hygienestandards und wirtschaftliche Effizienz mit ökologischer Nachhaltigkeit zu vereinbaren. In der Praxis treten nachhaltige Kriterien bei der Beschaffung und Handhabung von Medizinprodukten jedoch häufig in den Hintergrund. Die Gründe dafür sind vor allem:
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Einweg statt Wiederaufbereitung: Wie der Abfallmanager Medizin im Juli 2025 berichtete, sind ca. 60 % aller Medizinprodukte für den Einmalgebrauch bestimmt. Dadurch werden Gesundheitseinrichtungen die kosten- und personalintensive sowie regulatorisch anspruchsvolle Wiederaufbereitung, wie z. B. in einer AEMP (Aufbereitungseinheit für Medizinprodukte), erspart. Zudem liegen die direkten Beschaffungskosten von Einwegprodukten häufig unter den Gesamtkosten für die Aufbereitung, Dokumentation und Qualitätssicherung vergleichbarer Mehrwegsysteme.
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Sortier- und Logistikproblem: Gesundheitseinrichtungen erzeugen erhebliche Abfallmengen. Pro Patienten und Klinikaufenthalt fallen ca. 8 kg Abfall an. Aufgrund von Zeitmangel, komplexen Entsorgungsprozessen und strengen Hygieneanforderungen werden potenziell recycelbare Materialien, z. B. saubere Verpackungen aus dem OP-Bereich, häufig gemeinsam mit potenziell infektiösen Abfällen entsorgt. Die anschließende thermische Verwertung führt dazu, dass wertvolle Rohstoffe dem Stoffkreislauf dauerhaft entzogen werden.
Fazit
Die Beispiele verdeutlichen die vielschichtigen Hürden auf dem Weg zu nachhaltigen Medizinprodukten. Eine Transformation kann nur gelingen, wenn Ökologie, Patientensicherheit und Wirtschaftlichkeit von Gesetzgebern, Herstellern und Gesundheitseinrichtungen gemeinsam als gleichwertige Ziele verankert werden (s. Abb. 1). Aktuelle Entwicklungen zeigen, dass ökologische Verantwortung und regulatorische Konformität kein Widerspruch sein müssen. Durch innovative technologische, organisatorische und regulatorische Ansätze lassen sich erhebliche Potenziale für Ressourceneffizienz und Kreislaufführung erschließen.
Abb. 1: Nachhaltigkeitsdreieck

2 Begriffsdefinition

Die nachhaltige Entwicklung von Medizinprodukten setzt ein gemeinsames Verständnis zentraler Begriffe wie Linearwirtschaft, Circular Economy, Cradle-to-Cradle (C2C), Ökodesign und Greenwashing voraus. Die nachfolgenden Abschnitte ordnen die wichtigsten Konzepte ein und zeigen deren Bedeutung für die Medizintechnik.

2.1 Linearwirtschaft

Wirtschaftswelt im Umbruch
Bis in die 1990er Jahre war die Linearwirtschaft das vorherrschende Wirtschaftssystem. Das Modell beruht auf kontinuierlichem Wachstum und folgt dem Prinzip „Take-Make-Waste” (s. Abb. 2). Rohstoffe werden abgebaut, zu Produkten verarbeitet, genutzt und am Ende ihrer Lebensdauer achtlos entsorgt. Die direkten Folgen dieses Handelns waren ein übermäßiger Verbrauch an natürlichen Ressourcen, wachsende Abfallberge und eine fortschreitende Umweltverschmutzung.
Abb. 2: Take-Make-Waste eines Coffee-to-Go-Bechers
Um dieser Entwicklung entgegenzuwirken, entstanden bereits in den 1970er Jahren die ersten Ansätze zur organisierten Abfallvermeidung und zum Recycling. Dies ebnete den Weg für ein Kreislaufdenken in der klassischen Konsumgüterindustrie.

2.2 Kreislaufwirtschaft

Abfallsystem
Mit dem Kreislaufwirtschafts- und Abfallgesetz (KrW-/AbfG) von 1996 wurde in Deutschland der systematische Grundstein gelegt. Das Ziel bestand darin, Abfälle nach dem Prinzip „Reduce-Reuse-Recycle” (s. Abb. 3) zu vermeiden, zu verwerten und umweltverträglich zu beseitigen. Dadurch konnten Wertstoffströme erstmals strukturiert erfasst und gesteuert werden. Die deutsche Kreislaufwirtschaft basierte dabei lange Zeit auf einem stark regulierten Abfall- und Wertstoffmanagement. Der Fokus lag insbesondere auf Recycling und Entsorgung.
Abb. 3: Reduce-Reuse-Recycle

2.3 Circular Economy

Systemansatz
Parallel dazu entwickelte sich international das Konzept der Circular Economy, das über den reinen Abfallbezug hinausgeht. Dieser Ansatz ist ein strategisches Wirtschaftsmodell, bei dem Produktdesign, Geschäftsmodelle und Ressourcennutzung über den gesamten Lebenszyklus hinweg betrachtet werden. Das Ziel besteht darin, Produkte, Komponenten und Materialien möglichst lange im Nutzungskreislauf zu halten und den Verbrauch primärer Rohstoffe zu minimieren. Die R-Strategien sind in (A) drei Leitprinzipien und (B) zehn konkrete Handlungsstrategien (B) unterteilt (s. Abb. 4). Diese Struktur schafft eine klare Hierarchie der Ressourceneffizienz, ermöglicht die systematische Ableitung operativer Maßnahmen und unterstützt eine praxisnahe Anwendung in Managementsystemen und Entscheidungsprozessen. Die Leitprinzipien geben die strategische Zielrichtung vor, während die einzelnen R-Strategien konkrete Handlungsoptionen entlang des Produktlebenszyklus beschreiben.
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