04208 User Integration – Innovative Medizintechnik von Anwendern für Anwender
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Die im Rahmen der gesetzlichen Zulassung von Medizinprodukten geforderte Einbeziehung von Endanwendern in den Entwicklungsprozess ist oft unzureichend. Der Beitrag erläutert die Methodik der „User Integration” zur vollständigen Beteiligung von Anwendern am Innovations- und Entwicklungsprozess. Kleine Gruppen von Nutzern werden dabei aktiv an allen Phasen der Produktentwicklung beteiligt. Es werden Vorteile und Schwierigkeiten der User Integration erläutert und unterschiedliche Methoden vorgestellt. Neben Beispielen zur Analyse und Gestaltung sowie Evaluation liefert der Text wichtige Arbeitshilfen für die praktische Anwendung. Arbeitshilfen: von: |
1 Risiken einer zunehmend komplexen Medizintechnik
Risiken durch Fehlbedienung
Behandlungsprozesse im Krankenhaus werden von immer mehr Technik unterstützt. Im Zusammenhang mit der Einführung neuer Medizinprodukte kommt es aber auch regelmäßig zu Schwierigkeiten – so werden beispielsweise Schulungen nicht oder nur unzureichend durchgeführt oder neue Produkte nicht angenommen, weil es dem Anwender an der Bereitschaft fehlt, sich auf eine komplizierte Bedienung oder die ungewohnte Anwendung einzustellen.
Behandlungsprozesse im Krankenhaus werden von immer mehr Technik unterstützt. Im Zusammenhang mit der Einführung neuer Medizinprodukte kommt es aber auch regelmäßig zu Schwierigkeiten – so werden beispielsweise Schulungen nicht oder nur unzureichend durchgeführt oder neue Produkte nicht angenommen, weil es dem Anwender an der Bereitschaft fehlt, sich auf eine komplizierte Bedienung oder die ungewohnte Anwendung einzustellen.
Schwierigkeit: Mehrere Nutzergruppen
Oft passt sich neue Technik nur unzureichend an bestehende Arbeitssysteme an, da die Entwicklung von Medizinprodukten traditionell sehr technikorientiert erfolgt. Im Vordergrund steht das Zur-Verfügung-Stellen neuer Funktionen zur Therapie, Diagnostik oder Überwachung von Patienten. Ganzheitlich ergonomisch gestaltete Behandlungseinheiten haben sich so bislang lediglich in klar abzugrenzenden medizinischen Randbereichen, wie z. B. der Zahnmedizin, etabliert. Einer umfassenden, systemergonomischen Gestaltung – wie dies beispielsweise im Bereich der Luftfahrt möglich ist – steht die schnelle und diversifizierte Fortschreitung der technischen Möglichkeiten entgegen, an der unterschiedlichste Leistungserbringer partizipieren. Medizinische Arbeitsplätze sind meist offene Arbeitssysteme hoher Komplexität, in denen sich unterschiedliche medizintechnische Produkte zu temporären Behandlungseinheiten zusammenfügen, die kontinuierlich an die Erfordernisse der Patientenbehandlung angepasst werden.
Oft passt sich neue Technik nur unzureichend an bestehende Arbeitssysteme an, da die Entwicklung von Medizinprodukten traditionell sehr technikorientiert erfolgt. Im Vordergrund steht das Zur-Verfügung-Stellen neuer Funktionen zur Therapie, Diagnostik oder Überwachung von Patienten. Ganzheitlich ergonomisch gestaltete Behandlungseinheiten haben sich so bislang lediglich in klar abzugrenzenden medizinischen Randbereichen, wie z. B. der Zahnmedizin, etabliert. Einer umfassenden, systemergonomischen Gestaltung – wie dies beispielsweise im Bereich der Luftfahrt möglich ist – steht die schnelle und diversifizierte Fortschreitung der technischen Möglichkeiten entgegen, an der unterschiedlichste Leistungserbringer partizipieren. Medizinische Arbeitsplätze sind meist offene Arbeitssysteme hoher Komplexität, in denen sich unterschiedliche medizintechnische Produkte zu temporären Behandlungseinheiten zusammenfügen, die kontinuierlich an die Erfordernisse der Patientenbehandlung angepasst werden.
Bei der Entwicklung von Medizintechnik wird diese Dynamik bislang nur unzureichend berücksichtigt.
2 Entwicklungsprozesse in der Medizintechnik heute
An Technik orientierte Produktentwicklung
Die Konstruktion und Entwicklung von Medizintechnik erfolgt traditionell stark funktionsorientiert. Dies spiegelt sich häufig in einer defizitären Gestaltung der Benutzeroberfläche und in einer weitgehend vernachlässigten Systemintegration der Produkte wider. Die Geräte genügen dem operativen Abbild des Entwicklers und Konstrukteurs, das nicht immer dem Anwenderverständnis entspricht.
Die Konstruktion und Entwicklung von Medizintechnik erfolgt traditionell stark funktionsorientiert. Dies spiegelt sich häufig in einer defizitären Gestaltung der Benutzeroberfläche und in einer weitgehend vernachlässigten Systemintegration der Produkte wider. Die Geräte genügen dem operativen Abbild des Entwicklers und Konstrukteurs, das nicht immer dem Anwenderverständnis entspricht.
Obwohl die Bedeutung der Produktnutzer von den Produktmanagern großgeschrieben wird, fallen Medizinprodukte immer wieder durch eine zu stark ausgeprägte technologieorientierte Gestaltung auf. Daraus resultieren Akzeptanz- und Bedienprobleme, welche die Behandlungseffizienz oder sogar die Patientensicherheit beeinträchtigen. Zwar beschreiben die technischen Standards DIN EN 60601-1-6 und DIN EN 62366, wie eine nutzerorientierte Produktentwicklung durchgeführt werden sollte, die Umsetzung dieser europaweit vereinheitlichten Normen bereitet in der Praxis allerdings oft Probleme, da es den Entwicklern sowohl an ergonomischem Fachwissen als auch an Erfahrung im Umgang mit sozialwissenschaftlichen Forschungsmethoden und Tests fehlt. Zusätzlich beschränken sich die normativen Forderungen lediglich auf den formellen Nachweis der Berücksichtigung ergonomischer Aspekte im Entwicklungsprozess.
Fehlende Nutzerintegration
DIN EN 60601-1-6 [1] und DIN EN 62366 [2] verlangen zwar die frühzeitige Berücksichtigung von Anforderungen aus dem Anwendungs- und Benutzungskontext, integrieren potenzielle Anwender aber nicht wirklich in einzelne Phasen der Produktentwicklung. Die in den Normen vorgeschriebene Einbeziehung von Anwenderwissen kann also noch deutlich erweitert und professionalisiert werden.
DIN EN 60601-1-6 [1] und DIN EN 62366 [2] verlangen zwar die frühzeitige Berücksichtigung von Anforderungen aus dem Anwendungs- und Benutzungskontext, integrieren potenzielle Anwender aber nicht wirklich in einzelne Phasen der Produktentwicklung. Die in den Normen vorgeschriebene Einbeziehung von Anwenderwissen kann also noch deutlich erweitert und professionalisiert werden.
3 User Integration als Weg in die Zukunft
Anwender unterstützen Produktentwicklung
Zukünftig sollen potenzielle Anwender helfen, innovative und gebrauchstaugliche Produkte zu entwickeln, deren Funktionalität und Gestaltung sich an den tatsächlichen Bedürfnissen des Behandlungsprozesses ausrichten. Im Vordergrund der Entwicklung steht dabei nicht mehr die klassische Funktionserfüllung des einzelnen Geräts, sondern das Zusammenwirken der eingesetzten Technik am Arbeitsplatz, um den Behandlungsprozess möglichst optimal zu unterstützen. Hierzu ist eine umfangreiche „User Integration” – also eine Beteiligung von Anwendern im gesamten Innovations- und Entwicklungsprozess – unabdingbar.
Zukünftig sollen potenzielle Anwender helfen, innovative und gebrauchstaugliche Produkte zu entwickeln, deren Funktionalität und Gestaltung sich an den tatsächlichen Bedürfnissen des Behandlungsprozesses ausrichten. Im Vordergrund der Entwicklung steht dabei nicht mehr die klassische Funktionserfüllung des einzelnen Geräts, sondern das Zusammenwirken der eingesetzten Technik am Arbeitsplatz, um den Behandlungsprozess möglichst optimal zu unterstützen. Hierzu ist eine umfangreiche „User Integration” – also eine Beteiligung von Anwendern im gesamten Innovations- und Entwicklungsprozess – unabdingbar.
Erweiterung bestehender Entwicklungsprozesse
Ziel der User Integration ist es, konkrete Empfehlungen und Vorschläge für die Optimierung von Produkten gemeinsam mit Anwendern zu erarbeiten. Dabei soll der klassische Entwicklungsprozess nicht ersetzt, sondern um wichtige Aspekte ergänzt werden. User Integration wird also an bestehende Prozesse der Produktentwicklung geknüpft, um eine schnelle und einfache Unterstützung zu ermöglichen.
Ziel der User Integration ist es, konkrete Empfehlungen und Vorschläge für die Optimierung von Produkten gemeinsam mit Anwendern zu erarbeiten. Dabei soll der klassische Entwicklungsprozess nicht ersetzt, sondern um wichtige Aspekte ergänzt werden. User Integration wird also an bestehende Prozesse der Produktentwicklung geknüpft, um eine schnelle und einfache Unterstützung zu ermöglichen.
Konkret werden dabei kleine Gruppen von Nutzern moderiert an allen Phasen der Produktentwicklung beteiligt. Sie nehmen damit weitaus mehr Einfluss auf neue Produkte, als dies durch die bisher vorgeschriebene analytisch-retrospektive Überprüfung der Gebrauchstauglichkeit von Medizintechnik möglich ist. So werden beispielsweise mithilfe von Kreativitätstechniken Ärzte frühzeitig in die Ideenfindung einbezogen oder Pflegekräfte bei der Anwendung von Geräten beobachtet und befragt. Auch die Auswahl und Weiterentwicklung von etablierten Produktkonzepten erfolgt mithilfe der Bewertung durch Anwender. Mockups (Modelle), Prototypen sowie nahezu marktreife Produkte werden während der Entwicklung kontinuierlich und aufgabenorientiert getestet. Ein wesentlicher, wenn auch häufig unterschätzter Punkt ist die Beteiligung von Anwendern bei der Gestaltung von Bedienungsanleitungen, Verpackungen und Schulungsmaterialien. User Integration bedient sich dazu etablierter Vorgehensweisen des Usability-Engineering genauso wie unterschiedlicher Methoden der intuitiven Ideen- und Lösungsfindung [3] [4] [5].
Bedeutung einfacher, qualitativer Methoden
Entscheidend für den Erfolg ist der vergleichsweise geringe Aufwand zur Einbindung der Nutzer. Daraus ergibt sich die Forderung, dass die eingesetzten Methoden besonders leicht verständlich, einfach und effizient in der Durchführung sein müssen und schnell zu qualitativen Ergebnissen führen sollen (vgl. Absatz 4 „Arbeitshilfen”). Die Potenziale und Barrieren der User Integration fasst Abbildung 1 zusammen.
Abb. 1: Übersicht über Vorteile und potenzielle Barrieren der User Integration
Entscheidend für den Erfolg ist der vergleichsweise geringe Aufwand zur Einbindung der Nutzer. Daraus ergibt sich die Forderung, dass die eingesetzten Methoden besonders leicht verständlich, einfach und effizient in der Durchführung sein müssen und schnell zu qualitativen Ergebnissen führen sollen (vgl. Absatz 4 „Arbeitshilfen”). Die Potenziale und Barrieren der User Integration fasst Abbildung 1 zusammen.
4 Arbeitshilfen zur User Integration
Eine Einbindung von Anwendern in den Produktentwicklungsprozess soll schon in den Frühphasen beginnen und kontinuierlich bis zur Markteinführung durchgeführt werden. Letztlich ist eine User Integration in allen Phasen außer der technischen Entwicklung möglich und sinnvoll (s. Abb. 2).[
04208_a.pdf]
Abb. 2: Möglichkeiten zur Nutzerorientierung im Produktentwicklungsprozess
04208_a.pdf]Im Folgenden werden einige Methoden zur User Integration näher erläutert und Arbeitshilfen zu deren Einsatz vorgestellt.




