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06301 Reinigung von Medizinprodukten entlang der Fertigungskette

Dieser Fachbeitrag beleuchtet die entscheidende Rolle optimal abgestimmter Reinigungsprozesse und -anlagen bei der Herstellung von Medizinprodukten. Von Vor- bis Endreinigung werden Strategien vorgestellt, um partikuläre und filmische Verunreinigungen zu beseitigen und strikte regulatorische Anforderungen (MDR, FDA) zuverlässig zu erfüllen.
Der Artikel bietet praxisnahe Antworten auf Herausforderungen wie Sauberkeitsvorgaben, Dokumentation, Rückverfolgbarkeit und Kostenoptimierung. Fachverantwortliche in KMU erfahren, wie innovative Technologien wie Ultraschall-, Plasmareinigung und Smart-Überwachungslösungen die Qualität, Sicherheit und Zulassung ihrer Produkte garantieren.
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Das Spektrum medizintechnischer Produkte ist enorm vielfältig und stellt spezifische Ansprüche an die Teilereinigung und Verpackung. So müssen partikuläre und filmische Verunreinigungen aus Herstellungsprozessen zuverlässig entfernt werden. Hinzu kommt die Einhaltung der regulatorischen Vorgaben aus MDR beziehungsweise FDA hinsichtlich der Identifikation von Produkten sowie der Qualifizierung von Anlagen, Dokumentation und Rückverfolgbarkeit der Bauteile und Prozesse. Diese hohen Anforderungen lassen sich nur mit entlang der gesamten Fertigungskette optimal an die Aufgabenstellung angepassten Reinigungsprozessen und -anlagen anforderungsgerecht, prozesssicher und wirtschaftlich erfüllen.
Abb. 1: Die hohen technischen und regulatorischen Anforderungen bei der Herstellung medizintechnischer Teile lassen sich nur mit optimal auf die Anwendung abgestimmten Reinigungsprozessen und -anlagen erfüllen. [1]
Die Herstellung medizintechnischer Produkte wie Instrumente, Implantate für die Human- und Zahnmedizin, Einwegartikel (z. B. Spritzen, Kanülen, Schläuche, Ventile) sowie Geräten für Diagnostik und Therapie erfolgt in unterschiedlichen Technologien und üblicherweise in mehreren Fertigungsschritten. Dabei bleiben durch Herstellungsprozesse wie dem Zerspanen oder der additiven Fertigung Materialrückstände (Partikel) sowie Betriebs- und Hilfsstoffe, beispielsweise Kühlschmiermittel, Zieh- und Umformöle sowie Trennmittel, unweigerlich auf der Oberfläche zurück. Diese Verunreinigungen können einerseits die Durchführbarkeit und Qualität nachfolgender Prozesse behindern, andererseits die einwandfreie Funktion von Geräten beeinträchtigen beziehungsweise zu einem Risiko für Patienten werden.

1 Regulatorische Vorgaben

Der direkte Einfluss auf die Patientensicherheit macht die Reinigung zu einem zentralen Bestandteil der Herstellung medizinischer Implantate und chirurgischer Instrumente. Dabei ergeben sich durch die EU-Medizinprodukteverordnung (MDR) sowie die Vorgaben der U.S. Food and Drug Administration (FDA) regulatorische Anforderungen. Die Reinigung ist hier nicht nur ein technischer, sondern auch ein regulatorischer Nachweisprozess, bei dem die Validierung eine entscheidende Rolle spielt.
MDR – klinische Sicherheit und technische Dokumentation im Fokus
Die MDR (EU 2017/745) hat die Anforderungen an Medizinprodukte im Vergleich zur vorherigen MDD erheblich verschärft. Besonders relevant für die Reinigung sind folgende Punkte:
Validierung der Reinigung: Pflicht für reproduzierbare Reinigungsverfahren, abgestimmt auf die Produktgeometrie.
Technische Dokumentation: Detaillierter Nachweis über die Freiheit von kritischen Rückständen.
Risikomanagement nach ISO 14971: Rückstände müssen toxikologisch und pyrogen bewertet werden.
FDA: Blick auf Prozesskontrolle und Endotoxinnachweis
Für den US-Markt ist die FDA-Richtlinie 21 CFR Part 820 (Quality System Regulation) maßgeblich. In Bezug auf die Reinigung gelten folgende Kernanforderungen:
Process Validation: FDA erwartet dokumentierte, nachvollziehbare Reinigungsverfahren.
Testanforderungen: Nachweis von Endotoxinen (LAL-Test) und Bioburden-Analysen erforderlich.
Design for Cleanability: Produkte müssen so konstruiert sein, dass eine effiziente Reinigung möglich ist.
Die Tabelle 1 vergleicht MDR und FDA in Bezug auf die Reinigung.
Tabelle 1: Gemeinsamkeiten und Unterschiede
Thema
MDR
FDA
Reinigungsvalidierung
Pflicht für wiederverwendbare Produkte
Pflicht bei patientenkontaktierenden Produkten
Fokus
Rückstandsminimierung, Risikomanagement
Prozesssicherheit, Endotoxine, Bioburden
Dokumentationspflicht
Sehr detailliert, Audits durch Benannte Stellen
Regelmäßige FDA-Inspektionen
Normenrelevanz
EN ISO 17664, ISO 19227, ISO 13485, ISO 14971
21 CFR 820, USP <85>, ISO 10993, ISO 11737

2 Die Anforderungen definieren

Ein Beispiel ist die Herstellung eines Knieimplantats, das vor dem Verpacken frei von Fertigungsmedien, Partikeln und Keimen sein muss. Der in einem Gussverfahren oder additiv hergestellte Rohling wird spanend bearbeitet, poliert, eventuell beschichtet, endgereinigt und verpackt. Jeder dieser Bearbeitungsschritte stellt individuelle Anforderungen an die Oberfläche. Daraus ergeben sich für die Teilereinigung unterschiedliche Aufgabenstellungen.
Fragestellungen
Bei der Auswahl der für den jeweiligen Reinigungsschritt technisch und wirtschaftlich geeigneten Lösung spielen folgende Fragestellungen eine Rolle:
Welches Teil muss in welcher Menge gereinigt werden?
Welche Sauberkeitsvorgaben müssen dabei erreicht werden?
Welches Reinigungsverfahren und welche -chemie sind geeignet?
Welche Umweltvorschriften, Normen und Gesetze sind zu berücksichtigen? Welche Schritte müssen erfolgen, um alle Kriterien zu erfüllen?
Sind eventuell Zwischenschritte einzufügen?
Passt der logistische Ablauf?
Welche Funktion übernehmen Mitarbeitende bei der Reinigung?
Welches Budget steht für die Anschaffung zur Verfügung?
Wie hoch sind die laufenden Betriebskosten, z. B. für neue Medien, Entsorgung, Energie und Wartung?
Auf dieser Basis lässt sich festlegen
wie viele und welche Reinigungsschritte mit welchem Verfahren erforderlich sind,
welches Medium dabei am geeignetsten ist und
welche Trocknungstechnologie eingesetzt werden soll.

3 Typische Reinigungsschritte entlang der Fertigungskette

Vorreinigung
Sowohl bei additiv gefertigten Bauteilen als auch nach einer Zerspanung ist eine Vorreinigung erforderlich. Sie hat das Ziel, die Werkstücke für den nachfolgenden Prozess vorzubereiten, in dem anhaftendes Pulver beziehungsweise Partikel und Bearbeitungsmedium entfernt wird (Depowdering). Dieser Schritt erfolgt üblicherweise in Einkammeranlagen, die je nach eingesetztem Bearbeitungsmedium mit Lösemittel, z. B. Kohlenwasserstoff oder modifizierten Alkohol, beziehungsweise einem abgestimmten wasserbasierten Reiniger betrieben werden.
Zwischenreinigung
Zwischenreinigungsschritte kommen unter anderem zur Entfernung von Polierpasten, und Rückständen aus Schleifprozessen, beispielsweise nach dem Gleitschleifen, zum Einsatz. Sie werden je nach Sauberkeitsanforderung in einem Einkammer-Reinigungssystem oder einer mehrstufigen Ultraschall-Mehrbadtauchanlage mit einem wässrigen Reinigungsmedium durchgeführt.
Endreinigung
Stand der Technik für die Reinigung vor einer Beschichtung sowie die Endreinigung und Passivierung sind mehrstufige Ultraschall-Mehrbadtauchanlagen mit entsprechender Wasseraufbereitung. Für diese Aufgabenstellungen stehen darüber hinaus unter anderem kompakte Rundtakt-Reinigungsanlagen zur Verfügung. Sie werden für die Reinigung kleinerer Präzisionsteile wie beispielsweise Knie- und Wirbelsäulenimplantate, zahnmedizinische Bauteile (Implantate) und medizinische Einwegprodukte wie Spritzen und Kanülen eingesetzt. Für die Trocknung der Produkte kommt die Vakuum-, Warmluft- und Infrarot-Technologie zum Einsatz, nicht selten auch als kombinierte Lösung.
Abb. 2: Durch ihren modularen Aufbau lassen sich Ultraschall-Mehrbadtauchanlagen wie die UCMPerformanceLine optimal an Aufgabenstellungen wie die Reinigung vor einer Beschichtung oder die Endreinigung vor dem Verpacken anpassen. [1]
Die Wirkung des Reinigungsmediums wird üblicherweise durch verschiedene, anwendungsspezifisch ausgelegte Verfahrenstechnologien verstärkt. Zu den häufig eingesetzten Verfahren zählen die Spritz-, Hochdruck-, Tauch-, Ultraschall-, Megaschall- und Plasmareinigung, das Dampfentfetten, Injektionsflutwaschen, Pulsated Pressure Cleaning (PPC) beziehungsweise Ultraschall Plus. Richtig eingesetzt sorgen sie dafür, dass das bedarfsgerechte Reinigungsergebnis stabil erreicht wird und können die Reinigungszeit um bis zu 50 % verkürzen.
So lässt sich beispielsweise durch die Integration eines Niederdruckplasma-Prozesses als abschließender Schritt einer Lösemittel- oder wässrigen Batch-Reinigung die Bauteiloberfläche unter anderem effektiv und effizient für eine nachfolgende Beschichtung vorbereiten. Das Druckwechselverfahren PPC kommt insbesondere bei Zwischen- und Endreinigungsverfahren von Bauteilen mit engen Kavitäten, feinen Kapillaren und porösen Oberflächen zum Einsatz. Es ermöglicht, dass Verunreinigungen auch aus diesen schwer zugänglichen Bereichen zuverlässig und schnell entfernt werden.
Abb. 3: Durch die Kombination einer nasschemischen Reinigung mit einem Niederdruckplasma-Prozess lassen sich Oberflächen prozesssicher und effizient für eine nachfolgende Beschichtung vorbereiten. [1]

4 Validierung und Überwachung relevanter Prozessparameter

Ob in einer Kammer- oder Ultraschall-Mehrbadtauchanlage, die Reinigung medizintechnischer Produkte basiert häufig auf validierten Prozessparametern. Dazu zählen unter anderem
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